Dienstag, 10. Mai 2011

When all men are paid for existing

Der britische erzreaktionäre Schriftsteller Rudyard Kipling, bekannt vor allem durch das Dschungelbuch und notorisch für das Gedicht The White Man's Burden, in dem der Kolonialismus als Wohltat dargestellt wurde, für den man nur Undank erntet, hat in einem weniger bekannten Gedicht, The Gods of the Copybook Headings, in dystopischer Weise das Grundeinkommen vorweggenommen - im Jahr 1919.

Zur Erklärung des Titels: copybooks waren Hefte für Schreibübungen und deren headings eben Textzeilen zum Nachschreiben. Diese Zeilen bestanden offenbar aus frommen oder traditionell-konservativen, vermeintlich ewiggültigen, Sinnsprüchen. Die gods of the copybook headings verkörpern hier eine Geisteshaltung, die jede Idee von sozialem Fortschritt als gefährliche Verirrung ansieht. Kipling bringt diese (seine) Geisteshaltung zugegebenermaßen sprachlich nicht schlecht zum Ausdruck:
In the Carboniferous Epoch we were promised abundance for all,
By robbing selected Peter to pay for collective Paul;
But, though we had plenty of money, there was nothing our money could buy,
And the Gods of the Copybook Headings said: "If you don't work you die."

Then the Gods of the Market tumbled, and their smooth-tongued wizards withdrew
And the hearts of the meanest were humbled and began to believe it was true
That All is not Gold that Glitters, and Two and Two make Four
And the Gods of the Copybook Headings limped up to explain it once more.

As it will be in the future, it was at the birth of Man
There are only four things certain since Social Progress began.
That the Dog returns to his Vomit and the Sow returns to her Mire,
And the burnt Fool's bandaged finger goes wabbling back to the Fire;

And that after this is accomplished, and the brave new world begins
When all men are paid for existing and no man must pay for his sins,
As surely as Water will wet us, as surely as Fire will burn,
The Gods of the Copybook Headings with terror and slaughter return!

Was ist dem zu erwidern? Natürlich gab und gibt es auch viele irrige Vorstellungen von sozialem Fortschritt. Dass es aber in der Realität keinen solchen Fortschritt gibt, ist eine absurde Vorstellung, denn die Menschheitsgeschichte ist voll davon. Wir leben ja heute nicht wie die ersten Menschen, und der Unterschied ist nicht nur ein technologischer. Wie ich an anderer Stelle schon sagte, läuft der soziale Fortschritt tendenziell zusammen mit dem technologischen, ist aber dennoch separat zu betrachten und kommt eben nicht automatisch, sondern muss meistens erkämpft werden. Es ist also keine vernünftige Haltung, jede entsprechende Idee abzulehnen, wiewohl man sich nicht leichtgläubig und ohne gründliche Prüfung auf eine solche einlassen sollte.

Auch beim BGE kann man exemplarisch sehen, wie manche Leute es sich zu leicht machen und nur ihren Wunschvorstellungen freien Lauf lassen, ohne diese rigoros auf ihre Umsetzbarkeit zu prüfen. Das kommt in den Forderungen nach bestimmten BGE-Höhen, deren (dauerhafte) Finanzierbarkeit in keiner Weise belegt werden kann, zum Ausdruck. Da könnte man in der Tat in eine Situation kommen, wo es heißt: though we had plenty of money, there was nothing our money could buy.

Es geht darum, keinen Gegensatz zwischen Idealismus und Realismus aufkommen zu lassen. Götz Werner verwendet hier den Begriff "Realträumer" und sagt: "Sie können nur etwas unternehmen und umsetzen, wenn Sie es sich vorstellen können." Jeder Fortschritt, ob sozial oder technologisch, war zuerst eine Vision. Man sollte also Visionen haben und diese dann rational konkretisieren, ausgestalten und nach Möglichkeit planmäßig umsetzen, und dabei jederzeit sich selbst der schärfste Kritiker sein.

Das BGE ist natürlich für Konservative ein schwerer Brocken, denn es würde ja das in der Tat bisher "ewige" Fixum der conditio humana überwinden, dass der einzelne Mensch arbeiten muss. Durch diesen Zwang wird auch erst die Arbeit zur Last, und aus diesem Grund können sich viele nicht vorstellen, wie man den Arbeitszwang beseitigen kann, ohne damit eine Gruppe zu Sklaven einer anderen zu machen. Dass Arbeit ein ganz normales Handelsgut sein kann, erfordert eine Flexibilität im Denken. Hier spielt aber auch eine gewisse Begriffsverwirrung mit - denn man muss unterscheiden zwischen Arbeit im engeren Sinne (die eigentliche Tätigkeit) und Arbeitsverhältnis (der Handel Arbeit gegen Geld). Ersteres ist oft notwendigerweise unangenehm; das zweite muss es keineswegs sein. Erst der Zwang zur Arbeit bewirkt, dass heute viele Arbeitsverhältnisse unangenehm sind. Es ist genauso, als ob man zu einem bestimmten Konsum gegen seinen Willen gezwungen würde. Mit einem BGE ist der Arbeitsmarkt wie ein Warenmarkt. Man geht nur einen solchen Handel ein, den man nach eigenen Maßstäben für vorteilhaft hält, sonst lässt man es. Daraus entsteht ja gerade die Effizienz des Marktes: jede Transaktion ist für beide Seiten subjektiv vorteilhaft.

Kipling ist hier also nicht der Aufforderung von Oliver Goldsmith an die Lyrik (siehe letztes Posting) nachgekommen: "Aid slighted Truth, with thy persuasive strain", und hat sie im Gegenteil in reaktionäre Dienste gestellt. When all men are paid for existing - heute ist das eine reale Vision. Gehen wir sie an.

Oder mit anderen Worten:

In the Silicon Era computers began to do wondrous things,
and mankind rode to unknown heights on technology's wings.
The old human labour paradigm to some was starting to irk,
but the Gods of the Copybook Headings said: "Every man has to work."

The idea of a basic income some people would not let go,
they felt that real freedom lay not in the status quo,
more and more people agreed, even some politicians were in,
but the Gods of the Copybook Headings said: "Listen to Hans-Werner Sinn."

But the people ignored these gods, and trusted their own intuition,
they wouldn't even go to the doctor whenever they had a vision,
and refusing to live like the earliest men, they ended the eternal fight,
and designed their world in such a way that humanity's future was bright.

When all men are paid for existing and machines do most of the toil,
when people's basic income reflects their share of the soil,
when everything is digital and the books gather dust on the shelves,
then the Gods of the Copybook Headings can go and fuck themselves!

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