Montag, 9. Mai 2011

Tierra y libertad

Ill fares the land, to hast'ning ills a prey,
Where wealth accumulates, and men decay:
Princes and lords may flourish, or may fade;
A breath can make them, as a breath has made:
But a bold peasantry, their country's pride,
When once destroy'd, can never be supplied.

A time there was, ere England's griefs began,
When every rood of ground maintain'd its man;
For him light labour spread her wholesome store,
Just gave what life requir'd, but gave no more:
His best companions, innocence and health;
And his best riches, ignorance of wealth.

But times are alter'd; trade's unfeeling train
Usurp the land and dispossess the swain;
Along the lawn, where scatter'd hamlets rose,
Unwieldy wealth and cumbrous pomp repose,
And every want to opulence allied,
And every pang that folly pays to pride.
Those gentle hours that plenty bade to bloom,
Those calm desires that ask'd but little room,
Those healthful sports that grac'd the peaceful scene,
Liv'd in each look, and brighten'd all the green, -
These, far departing, seek a kinder shore,
And rural mirth and manners are no more.
Das wunderbare Gedicht The Deserted Village von Oliver Goldsmith stammt aus dem Jahre 1770. Es könnte in seiner Essenz kaum aktueller sein.

Damals ging es um die enclosures, die Beseitigung der Allmende in England, womit Bauern, die bisher öffentliches Land nutzen konnten, nun als Lohnsklaven in die Städte gehen mussten (oder nach Amerika auswanderten, wo es noch reichlich freies Land gab). Heute sind wir alle dispossessed - und merken es gar nicht.
Yes! let the rich deride, the proud disdain,
These simple blessings of the lowly train;
To me more dear, congenial to my heart,
One native charm, than all the gloss of art;
Spontaneous joys, where nature has its play,
The soul adopts, and owns their firstborn sway;
Lightly they frolic o'er the vacant mind,
Unenvied, unmolested, unconfin'd.
But the long pomp, the midnight masquerade,
With all the freaks of wanton wealth array'd -
In these, ere triflers half their wish obtain,
The toiling pleasure sickens into pain;
And, e'en while fashion's brightest arts decoy,
The heart distrusting asks if this be joy.
Ye friends to truth, ye statesmen who survey
The rich man's joys increase, the poor's decay,
'Tis yours to judge, how wide the limits stand
Between a splendid and a happy land.
Heute ist vieles splendid, und dies wird mit Zahlen belegt. Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit sinkt - splendid. Wie es dem einzelnen wirklich geht unter Existenzangst und Zwangsarbeit, wird nicht gemessen. Lediglich in Bhutan versucht man einen anderen Weg zu gehen. Dort erhebt man nicht nur das gross national product, sondern auch gross national happiness ("Bruttosozialglück"), ein richtiger Ansatz. Das BGE wäre ein Schritt from a splendid to a happy land.
As some fair female unadorn'd and plain,
Secure to please while youth confirms her reign,
Slights every borrow'd charm that dress supplies,
Nor shares with art the triumph of her eyes;
But when those charms are past, for charms are frail,
When time advances, and when lovers fail,
She then shines forth, solicitous to bless,
In all the glaring impotence of dress.
Thus fares the land by luxury betray'd:
In nature's simplest charms at first array'd,
But verging to decline, its splendours rise,
Its vistas strike, its palaces surprise;
While, scourg'd by famine from the smiling land,
The mournful peasant leads his humble band,
And while he sinks, without one arm to save,
The country blooms - a garden and a grave.

Where then, ah! where, shall poverty reside,
To 'scape the pressure of contiguous pride?
If to some common's fenceless limits stray'd
He drives his flock to pick the scanty blade,
Those fenceless fields the sons of wealth divide,
And ev'n the bare-worn common is denied.

If to the city sped - what waits him there?
To see profusion that he must not share;
To see ten thousand baneful arts combin'd
To pamper luxury, and thin mankind;
To see those joys the sons of pleasure know
Extorted from his fellow-creature's woe.
Nun war die alte Allmende zuletzt auch nur eine schwache Entschädigung für das, was jedem wirklich zugestanden hätte, und ist auch - zumal in der modernen Zeit - nicht effizient (der Begriff tragedy of the commons kommt ja daher). Das Problem war nicht, dass man sie abgeschafft hat, sondern dass dies ersatzlos geschah. Es ist zwar richtig, dass es kein "Gemeinschaftsland" geben, sondern jedes Stück Land zu jeder bestimmten Zeit nur eine einzige nutzungsberechtigte Person haben sollte. Gleichzeitig aber gehört alles Land - da es ja nicht von irgendjemandem "hergestellt" wurde, sondern von Natur aus existiert - gerechterweise allen in gleichem Maße. Kein Stück Land dürfte also im vollen Sinne Privateigentum werden. Denn man könnte zwar das ganze Land einmal unter allen gleich aufteilen, aber durch die Bevölkerungsveränderung müsste man es dann ja permanent in komplizierter Weise umverteilen, was praktischerweise nicht möglich ist. In manchen Ländern hat es ja mitunter solche Landumverteilungen ("Landreformen") gegeben, aber eine endgültige Gerechtigkeit schafft man dadurch nicht.

In neueren Zeiten wurde die Losung Tierra y libertad - Land und Freiheit - oft von landlosen Bauern gebraucht, die ihre Entrechtung noch klar erkennen konnten. Heute denken viele, dass dies mit der Situation im entwickelten Kapitalismus nichts zu tun hat - und dabei ist es genau die richtige Forderung, denn hier liegt der Urgrund aller Verteilungsungerechtigkeit. Es geht nur um die richtige Methode. Denn statt das Land selbst umzuverteilen, muss man den Umweg über das Geld gehen, sodass man einen wertmäßigen Ausgleich erzielt und trotzdem stabile Nutzungsrechte bewahrt. Das heißt, man erhebt ernsthafte Steuern auf Grundbesitz und schüttet die resultierenden Einnahmen an alle zu gleichen Teilen aus. Wer dann einen wertmäßig gerade durchschnittlichen Anteil Grund besitzt, für den gleicht sich die Sache aus. Wer weniger hat, bekommt dafür einen finanziellen Ausgleich; wer mehr hat, zahlt entsprechend drauf. Die großen Grundbesitzer zahlen also permanent Entschädigung an die kleinen. Ob man die Nutzer dann überhaupt noch als "Besitzer" bezeichnen sollte, kann man sich fragen, denn der wirkliche Besitzer ist damit die Gemeinschaft.

Wer nun meint, Grundsteuer haben wir ja heute schon, sei darauf hingewiesen, dass diese absolut lächerlich ist. Denn zum einen stammt die Bemessungsgrundlage, die sogenannten Einheitswerte, meist aus dem Jahre 1964 und entspricht damit oft nur einem Bruchteil des heutigen Marktwerts, und zweitens wird dann auf dieser ohnehin zu niedrigen Basis ein Steuersatz im Bereich von etwa einem Prozent (je nach kommunalem Hebesatz) erhoben, sodass die tatsächliche Besteuerung in Bezug auf den realen Marktwert im Durchschnitt schätzungsweise vielleicht 0,2% beträgt (auch wenn man nur die Grundstücke selbst in Betracht zieht - also ohne den Wert der Bebauung). Dass diese Steuer dann nur ca. 10 Mrd. Euro im Jahr einbringt, muss einen also nicht wundern. Würde man statt 0,2% 2% erheben, hätte man direkt 100 Mrd. Nähme man 20%, hätte man zumindest mehrere hundert Milliarden. Natürlich sinken die Grundstückswerte, und damit die Steuereinnahmen, wenn der Steuersatz steigt - man erhält also eine Art Laffer-Kurve. Der Satz wäre so zu wählen, dass die Einnahmen maximiert werden (durch schrittweise Annäherung von unten würde man diesen Punkt finden). Ich glaube nicht, dass irgendjemand behaupten würde, dieses Maximum wäre schon mit den jetzigen Steuersätzen erreicht und man könne hier nicht mehr als 10 Mrd. erzielen! Man müsste allerdings die ruinöse Hebesatz-Konkurrenz zwischen den Gemeinden abschaffen und die Grundsteuerverwaltung allein dem Bund übertragen. Es gibt ja selbst zwischen Staaten Steuerkonkurrenz, aber zwischen Gemeinden ist das der reinste Irrsinn und führt zwangsläufig zu minimalen Steuereinnahmen. Mit dem Steigen der Grundsteuer sollten natürlich parallel Einkommen- und Mehrwertsteuer gesenkt, und schließlich komplett ersetzt, werden.

So könnte man ein BGE nicht nur finanzieren, sondern gleichzeitig legitimieren - es wäre nichts anderes als jedermanns Anteil am natürlichen Reichtum, ein Grund-Einkommen im wahrsten Sinne des Wortes. Auch wer sich damit begnügt und nicht arbeitet, lebt in keiner Weise "auf Kosten anderer".
O luxury! thou curst by Heaven's decree,
How ill exchang'd are things like these for thee!
How do thy potions, with insidious joy,
Diffuse their pleasures only to destroy!
Kingdoms by thee, to sickly greatness grown,
Boast of a florid vigour not their own.
At every draught more large and large they grow,
A bloated mass of rank unwieldy woe;
Till sapp'd their strength, and every part unsound,
Down, down they sink, and spread a ruin round.
Ev'n now the devastation is begun,
And half the business of destruction done;
Ev'n now, methinks, as pond'ring here I stand,
I see the rural virtues leave the land.
Down where yon anchoring vessel spreads the sail,
That idly waiting flaps with every gale,
Downward they move, a melancholy band,
Pass from the shore, and darken all the strand.
Contented toil, and hospitable care,
And kind connubial tenderness, are there;
And piety, with wishes placed above,
And steady loyalty, and faithful love.
And thou, sweet Poetry, thou loveliest maid,
Still first to fly where sensual joys invade;
Unfit in these degenerate times of shame
To catch the heart, or strike for honest fame;
Dear charming nymph, neglected and decried,
My shame in crowds, my solitary pride;
Thou source of all my bliss, and all my woe,
That found'st me poor at first, and keep'st me so;
Thou guide by which the nobler arts excel,
Thou nurse of every virtue, fare thee well!
Farewell, and oh! where'er thy voice be tried,
On Torno's cliffs, or Pambamarca's side,
Whether where equinoctial fervours glow,
Or winter wraps the polar world in snow,
Still let thy voice, prevailing over time,
Redress the rigours of th' inclement clime;
Aid slighted truth, with thy persuasive strain
Teach erring man to spurn the rage of gain;
Teach him that states of native strength possest,
Though very poor, may still be very blest;
That trade's proud empire hastes to swift decay,
As ocean sweeps the labour'd mole away;
While self-dependent power can time defy,
As rocks resist the billows and the sky.
Für trade könnte man heute capitalism einsetzen, und self-dependent power wäre durch das BGE repräsentiert. Denn im Gegensatz zu denen, die sich einbilden, gerade als Arbeitnehmer "unabhängig" zu sein, wie sehr sie auch vor ihrem Chef katzbuckeln müssen, während sie als BGE-Empfänger "abhängig" seien, wäre man mit BGE in Wirklichkeit das Äquivalent des "freien Manns auf freier Scholle", der sich niemandem unterwerfen muss. Und das ist die Basis für eine Gesellschaft, in der die wahren menschlichen Werte zunehmend den rage of gain verdrängen können.

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