Joachim Behncke behauptet hier, Unternehmer könnten keine Steuern auf die Preise verkalkulieren, wie dies etwa Götz Werner öfters anführt. Behncke begründet dies eigenartig:
Erhöhe ich den Produktpreis um die Steuern anteilig bei gleichen Kosten und gelingt es mir, den Absatz konstant zu halten ( also Zahl der verkauften Einheiten ), so e r h ö h e ich meinen Gewinn zusammen mit dem Erlös und zahle im Endergebnis mehr Steuern. Man kann also keine Steuern umlegen.Eine interessante Argumentation: Wenn also der Unternehmer versucht, Steuern umzulegen, scheitert er damit und zahlt am Ende mehr Steuern - weil er mehr Gewinn macht! Unter solchen Umständen würde er sich aber sicher nicht über die zusätzliche Steuerlast beklagen. Wie Behncke selber vorrechnet, wäre dann sein Ergebnis nach Steuern besser als vorher, und das ist doch der Punkt bei der Sache: Unternehmer stören sich an Steuererhöhungen nicht, sie können sie an die Verbraucher weitergeben. Insofern ist unklar, was Behncke eigentlich sagen will.
Aber die Annahme, höhere Steuern wären nicht nur neutral, sondern sogar vorteilhaft für den Unternehmer, beruht natürlich auf einer Milchmädchenrechnung. Behncke:
Noch einmal, um es ganz deutlich zu machen: Ich verkaufe 1000 Brötchen zu 20 cent ( netto, ohne Mehrwertsteuer ). Ergibt einen Erlös von 1000 mal 0,20, also gleich 200 €. Die damit verbunden Kosten sind 100 €. Gibt einen Gewinn von 100 €. Darauf zahlt der Unternehmer durchschnittliche Steuern in Deutschland von ca. 36% ( Körperschaftsteuer plus Gewerbesteuer ) macht 36 € Steuern. Ihm verbleiben also 64 €. Jetzt benutzt er einen genialen Trick: Er schlägt die 36 € auf die 1000 Brötchen um: D.h. ein Brötchen kostet jetzt 3,6 cent mehr: Da im Bäckerladen nicht mit zehntel cent abgerechnet wird, rundet er den Preis auf: Jetzt kostet ein Brötchen 24 cent. Seine Kunden bleiben ihm treu und nehmen ihm weiterhin 1000 Brötchen ab ( sie müssen darauf auch noch die MwSt. zahlen, die gehen aber ans Finanzamt, nicht an den Unternehmer. ). Sein Erlös ist jetzt 240 €, bei gleichen Kosten von 100 € verbleibt ihm ein Gewinn von jetzt 140 €. Darauf zahlt er wieder 36 % Steuern, also 50,40 €, sein Ergebnis nach Steuern beträgt jetzt 89,60 €, also 25,90 € mehr als vorher.Die Steuern sind für den Unternehmer Kosten wie alle anderen. Die Kosten müssen in jedem Falle wieder hereinkommen, plus ein gewisser Mindestreingewinn, damit sich das ganze für den Unternehmer lohnt. Wenn mehr möglich ist, ist es natürlich willkommen. In dem Beispiel hat der Unternehmer einen Erlös von 200 €, und aus seiner reellen Sicht hat er 136 € Kosten und 64 € Gewinn; die Steuern sind hier schon verkalkuliert, der "Gewinn vor Steuern" ist für den Unternehmer nicht entscheidend, genausowenig wie das Bruttogehalt für einen Arbeitnehmer entscheidend ist! Entscheidend ist, was hinten (netto) rauskommt. Die Annahme, er würde genauso viel verkaufen wie bisher, wenn er die Preise erhöht, ist natürlich im Normalfall unsinnig; man sollte doch davon ausgehen, dass er die Preise schon so eingestellt hat, dass sein Gewinn maximal ist. Das heißt, wenn er auf dieser Basis plötzlich ohne Veränderung äußerer Faktoren die Preise erhöht, wird er Verkaufsanteile an die Konkurrenz verlieren und weniger Gewinn machen. Anders ist es aber nun, wenn die Steuern erhöht werden. Dann kann er diese Zusatzkosten wieder verkalkulieren (so wie irgendwelche andere Kosten), ohne Marktanteile an die Konkurrenz zu verlieren, denn diese tut ja dasselbe. Dann bleibt aber der Gewinn gleich (der zusätzliche Erlös entspricht den zusätzlich zu zahlenden Steuern).
Dass der Unternehmer Steuern nicht umlegen kann, ist also nur im offensichtlich-formalen Sinne gegeben, d.h. er kommt nicht umhin, Steuern zu zahlen. Aber wirklich tragen muss er sie eben nicht. Er führt nur Gelder an den Staat ab, die er vorher vom Verbraucher eingenommen hat.
Die meisten Kritiken der Konsumbesteuerung sind relativ hanebüchen. Trotzdem finde ich nicht, dass es die beste Lösung ist. Man muss sich doch die Frage stellen, was der große Vorteil einer Konsumbesteuerung sein soll, wenn es auch heute ohnehin schon die Verbraucher sind, die die Steuerlast tragen. Einkommen und Konsum (bzw. Produktion und Verkauf) sind zwei Seiten derselben Medaille: jeder Euro, den jemand einnimmt, wird irgendwann auch ausgegeben; jeder Euro, der ausgegeben wird, muss vorher eingenommen worden sein. Dazwischen besteht nur ein unwesentlicher Zeitverzug. Am Ende kommt es aufs gleiche raus: es wird schlicht mit dem Rasenmäher das gesamte Wirtschaftsgeschehen besteuert, und dazu wird ein Stück Umverteilung mit dem Holzhammer gemacht (über progressive Einkommensteuer bzw. unterschiedliche Mehrwertsteuersätze für Luxusgüter und Güter des täglichen Bedarfs). Dadurch wird entsprechend die Wirtschaftsleistung gedämpft. Den Unterschied, den Götz Werner hier sieht, wenn er von "Knospenfrevel" spricht, kann ich nicht nachvollziehen (außer in gewissen speziellen Fällen). Der Wertschöpfungsprozess wird ja nicht speziell dadurch belastet, dass dort schon Steuern anfallen, wenn diese doch weitergegeben werden können; entscheidend ist, dass sie überhaupt anfallen, womit dem Verbraucher Kaufkraft entzogen wird.
Aber ist es wirklich "der Verbraucher", der die Steuern trägt - also wir alle gleichermaßen? Wer ist wirklich der dumme? Denn ebenso wie ein Unternehmer, kann auch ein besserqualifizierter Arbeitnehmer die Steuern weitergeben - wenn sie steigen, verlangt er auch mehr Gehalt. Wer das nicht kann, sind eben die Geringqualifizierten, die letzlich jeden Job annehmen müssen. Das sind die letzten, die die Hunde beißen. Obwohl sie gar keine Einkommensteuer zahlen, sind sie es, die die wirkliche Last tragen. Und man muss sich klarmachen, dass der Begriff "geringqualifiziert" rein relativ zu verstehen ist. Wer hier etwa nach besserer Bildung und Ausbildung ruft, hat das kapitalistische System nicht verstanden. Es gibt keinen absoluten Standard, der jemanden schützen würde, wenn alle diesen Standard erfüllen. Selbst wenn also jeder bis zur Grenze seiner Möglichkeiten gebildet wäre, wären einige relativ am geringsten qualifiziert und wären damit der Ausbeutung ausgesetzt. Genau an diesem Problem setzt das BGE an. Die ganze Sache wird von unten her aufgerollt. Zwangsläufig bleibt am Ende weniger übrig für die, die heute so pervers hohe Einkommen haben. Bruttoeinkommen und Steuern sind also gar nicht getrennt voneinander zu betrachten.
Damit ist die Steuerfrage vom Verteilungsgesichtspunkt her zweitrangig, wenn man nur ein ausreichend hohes Netto-BGE hat. Sie ist aber dennoch wichtig unter Gesichtspunkten der Effizienz. Eine reine Konsumbesteuerung wäre gegenüber dem heutigen Steuersystem ein gewisser Fortschritt, weil sich der Staat dann nicht mehr in die Arbeitsverhältnisse der Bürger einmischen müsste - ein Vorteil im Sinne des Schutzes der Privatsphäre und daneben eine beachtliche Verwaltungsvereinfachung (da wir die Mehrwertsteuer heute schon haben, würde dessen Verwaltung durch einen höheren Satz kaum teurer, dafür fiele aber eine erhebliche Bürokratie weg, die sich heute mit Einkommensteuern befasst). Noch besser ist es aber, statt dem Rasenmäher eine gezielte Besteuerung vorzunehmen, die eben nicht das produktive Wirtschaftsgeschehen beeinträchtigt. Und das heißt: nicht den Faktor Arbeit besteuern, sondern den Faktor Land. Doch dazu bei anderer Gelegenheit mehr.