Freitag, 29. April 2011

Der Märchenerzähler

Ein gewisser Gero Jenner attackiert hier das Grundeinkommen und speziell Götz Werner in einer besonders absurden Weise. Er schreibt:
Das (nahezu) bedingungslose Grundeinkommen ist ja alles andere als neu. In einigen Teilen der Welt ist es verwirklicht worden: in China unter Mao, im heutigen Nordkorea des Kim Jong-Il, und nicht zuletzt bei uns nebenan, im einstigen Bauern- und Arbeiter-Staat. Dort garantierte der Staat all seinen Bürgern ein gesichertes Grundeinkommen, die einzige Bedingung, die er im Gegenzug an sie stellte, war das Einverständnis mit dem Regime.
Durch das eingeschobene "nahezu" wird dies auch nicht korrekt. In keinem dieser Staaten gab es Einkommen ohne Arbeitspflicht; man könnte genausogut sagen, dass wir heute in der Bundesrepublik schon mit Hartz IV ein BGE haben, man muss eben nur angebotene Arbeit annehmen, eine Bedingung, die für Jenner offenbar vernachlässigbar ist. Ich gehe allerdings davon aus, dass in Nordkorea die Sanktionen bei Verweigerung einer angebotenen Arbeit noch unangenehmer sind als hierzulande bei Hartz IV. Auch in der DDR reichte es kaum aus, Einverständnis mit dem Regime zu erklären, um sich dem Arbeitszwang zu entziehen. Dass auf der Arbeit ein gewisser Schlendrian geduldet wurde, ist ein anderes Thema (der Spruch war ja, "wir tun so, als ob wir arbeiten, der Staat tut so, als würde er uns bezahlen") - aber einfach zuhause bleiben wäre nicht so einfach gegangen.

Nun spinnt Jenner die falsche Prämisse weiter:
Der anthroposophische Heilpraktiker verschreibt den Deutschen doch gerade die 1000-Euro-Pille, um ein Volk der Kreativen aus ihnen zu machen. Warum hat das garantierte Grundeinkommen aus den Bürgern der ehemaligen DDR nicht ebenfalls Kreative gemacht?
Ja, weil es eben kein garantiertes Grundeinkommen gab und die DDR-Bürger sich nicht nach Belieben zu Künstlern oder Erfindern erklären und ihrer Kreativität nachgehen konnten; und Unternehmer zu werden war sowieso nicht möglich. Die Leute mussten ihre Zeit und Energie mit irgendwelchen Tätigkeiten in Betrieben verbrauchen, ob die nun effizient waren oder nicht. Einfälle mögen die Leute schon gehabt haben, aber umsetzen konnten sie sie nicht. Wenn man vollzeit arbeitet, braucht man die Feierabende und Wochenenden schon zur Erholung, da kann man nicht gleichzeitig ein ernsthaftes Kreativprojekt - wenn es nicht in einem extremen Schneckentempo voranschreiten soll - realisieren.
Nach dem Grund dürfen wir den anthroposophischen Heilpraktiker nicht fragen. Er weiß nicht, dass die garantierte Sicherheit alle Kreativität verlässlich tötet.
Wie kann Götz Werner das auch wissen, wenn er doch selbst die Widerlegung dieser These ist. Seine materielle Sicherheit ist mehr als garantiert, und dennoch ist er ständig kreativ tätig. Im Gegenteil, wenn etwas Kreativität verlässlich tötet, ist es Existenzangst. Erst als Einstein einen ruhigen Job im Patentamt hatte, konnte er die Relativitätstheorie entwickeln, und er tat es nicht aus irgendeinem materiellen Anreiz.
Die neue „Ich-will-alles-und-zwar-sofort-Generation“ hat Ansprüche, aber von Pflichten oder gar Forderungen will sie nichts hören. Der Staat soll sie verwöhnen und soll sie gefälligst umsorgen, darin sehen sie seine Funktion. Dass der Staat die anderen sind, die arbeitenden Menschen, darüber wollen sie sich keine Gedanken machen.
Und da kommen wir allerdings zu einem klassischen Gegenargument - wahrscheinlich noch vor dem Finanzierungsargument der verbreitetste Einwand gegen das BGE. Ein Einwand, dem auch Götz Werner meiner Meinung nach nicht überzeugend genug begegnet. Dabei ist er trivial einfach zu beantworten. Die Vorstellung nämlich, dass jemand, der nicht arbeitet, zwangsläufig auf Kosten der arbeitenden Menschen leben muss, geht ja von der Voraussetzung aus, dass das gesamte Volkseinkommen, das gesamte Bruttosozialprodukt ausschließlich (oder fast ausschließlich) aus Arbeit entsteht. Das kann ernsthaft nur jemand glauben, der von den fundamentalsten Grundlagen der Ökonomie nichts versteht, denn schließlich gibt es mehrere Produktionsfaktoren, aus denen aller Reichtum resultiert, und Arbeit ist nur einer davon. Der andere primäre Produktionsfaktor ist der Faktor Land. Ich kann hier nur vermuten, dass viele diesen Faktor ausblenden, weil sie dabei fälschlicherweise nur an Landwirtschaft denken, die ja heute in der Tat relativ vernachlässigbar ist im Vergleich zu Industrie und Dienstleistungen. Was aber all der städtische Grund und Boden wert ist, kann jeder leicht selbst überschlagen, und das Land selbst ist noch lange nicht der ganze Faktor Land, zu dem auch Schadstoffemissionspotenziale, Telekommunikationsfrequenzen und dergleichen zu zählen sind. Dieser natürliche Reichtum steht jedem unabhängig von seiner Arbeit zu gleichen Teilen zu und sollte durch ein BGE repräsentiert werden (dementsprechend bin ich, im Gegensatz zu Götz Werner, für eine Finanzierung durch Besteuerung ebendieses Faktors Land - auf dieses Thema werde ich wohl noch öfters zu sprechen kommen).
Sie jubeln dem Märchenerzähler zu und seiner Botschaft der Kraftlosigkeit, der Ermattung und Selbstaufgabe, und sie fühlen sich ungeheuer geschmeichelt, wenn er diese Botschaft auch noch mit der blauen Blume der Kreativität verschönert.
Kraftlosigkeit? Ermattung? Selbstaufgabe? Einmal mehr verkehrt Jenner die Dinge ins glatte Gegenteil. BGE bedeutet Freiheit zur vollen Selbstverwirklichung. Denjenigen, die auch mit einem BGE nichts mit sich anzufangen wüssten, ist mit Zwangsarbeit auch nicht geholfen. Für die gibt es letztlich keine politische Lösung, sondern sie brauchen persönliche bzw. psychologische Hilfe.
Gewiss hätte der Staat die Aufgabe gehabt, exzessive Einkommensunterschiede auf ein vernünftiges Maß einzudämmen, denn niemand ist hundertmal intelligenter, hundertmal wissender, hundertmal durchsetzungskräftiger als der Durchschnitt.
Hier mal ein Satz, dem man zustimmen kann. Obwohl ich hinzufügen würde: selbst wenn jemand hundertmal intelligenter wäre, hätte er deshalb nicht ein hundertfaches Einkommen verdient, denn Intelligenz ist ja im wesentlichen kein eigenes Verdienst. Nun ist also Jenner nicht etwa ein Erzkapitalist, sondern eher ein Altsozialdemokrat: er will exzessive Einkommensunterschiede eindämmen, will dies aber mit paternalistischen Methoden innerhalb des alten Vollbeschäftigungs-Paradigmas erreichen. Den Arbeitgebern sollen wohl die Bedingungen von der Politik diktiert werden, und wenn es dann ordentliche Arbeitsplätze gibt, sollen die Leute diese aber gefälligst auch annehmen.
Doch in der Mitte fühlen sich die Alles-Woller nun einmal nicht wohl, und schon gar nicht behagt ihnen das eigene Denken über Ursachen und Wirkungen. Ungleichverteilung? Was geht denn mich das an? Da muss ich mich ja engagieren, da wird vielleicht sogar Kampf und persönlicher Einsatz verlangt! Die Gefolgschaft des großen Märchenonkels scheut jedoch nichts so sehr wie den Kampf.
Wirklich? Ich sehe in der BGE-Bewegung ein höchst erfreuliches Maß an Engagement. Und es geht dabei genau um die Beseitigung der Ungleichverteilung. Nichts bewirkt diese sicherer als ein BGE, mit dem jeder nur noch zu Bedingungen arbeitet, die er nach eigenen Maßstäben für gerecht hält.
Hat der große Heilpraktiker nicht eben noch die fromme Mär verbreitet, dass die Reichsten in unserem Staat auch die meisten Steuern zahlen?
Das sagt Götz Werner, um dann gleich hinzuzufügen, dass es die Verbraucher sind, die sämtliche Steuern tragen.

Zusammenfassend kann man also sagen: Der Märchenerzähler hier heißt nicht Götz Werner, sondern Gero Jenner.

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