Was kümmern dich Kommunisten, Kapitalisten und andere -isten, suche nach dem Himmelreich und seiner Gerechtigkeit, und du wirst erkennen, wie lächerlich ist der Kampf um Stein und Brot. Denn was kannst du nehmen von dieser Welt in die Ewigkeit?Nun sind natürlich Rationalität und Wissenschaft einerseits und Religion andererseits zwei unvereinbare Dinge, zwischen denen jedes Gespräch sich erübrigt, da es eben gegensätzliche Axiome sind, die sich nicht auf eine gemeinsame Grundlage herunterbrechen und von dort entscheiden lassen. Allerdings kann man darauf hinweisen, dass jeder Religiöse in seinem Alltag und auch in seiner religiösen Argumentation unweigerlich auch Logik verwendet (siehe allein schon das Wort "denn" im obigen Kommentar), nur um sie dann selektiv fahren zu lassen. Dagegen kann ein rationaler Mensch auf jede Spur von Supernaturalismus verzichten. Aber auch der Hinweis auf diesen Widerspruch kann eben nur einen ohnehin schon strikt rational denkenden Menschen überzeugen. (Zur Klarstellung mag ergänzt werden, dass hier "strikt rational" im Sinne von "nicht irrational" zu verstehen ist; es gibt natürlich in der menschlichen Erfahrung Dinge, die nicht rational, aber eben auch nicht irrational, sondern nur "a-rational" sind. Supernaturalismus ist aber irrational.)
Macht und Werk gehören dem Schöpfer, und dies willst du, Erden-Wurm, dem Mächtigen nehmen? Dein Tod wird dich des Besseren belehren!
Ich mahne dich,
dein Bruder.
So werde ich also genausowenig den Kommentarschreiber "eines Besseren belehren" wie er mich - und schon gar nicht wird dies der Tod tun, denn nach dem Tod ist man eben tot und nicht mehr lernfähig. So wird es auch dem Schreiber erspart bleiben, dass er nach seinem Tod dumm kuckt, wenn er merkt, dass nichts nachkommt, denn schon das merkt er nicht mehr.
Der einzige wahre Kern im Kommentar steckt in der Frage "was kannst du nehmen von dieser Welt in die Ewigkeit?" Denn ob einen das Himmelreich erwartet oder das Nichts, man kann sich darauf einigen, dass man nichts von dieser Welt "mitnehmen" kann über den Tod hinaus. So manche, die sich in einer wahnwitzigen Akkumulation von Privatreichtümern ergehen, werden sich wohl an der Schwelle ihres Todes fragen (bzw. sollten sich fragen lassen), ob sie nicht doch lieber etwas Nützliches für die Menschheit, die bleibt, getan hätten. Einige verblenden sich hier freilich gerne mit der Vorstellung, dass gerade ihr Reichtum der Beweis sei, etwas Nützliches getan zu haben, auch wenn dieser - wie z.B. im Falle Bill Gates - nur das Ergebnis einer von einem absurden Urheberrecht begünstigten Monopolstellung ist. Nicht nur, dass es selbstverständlich nicht zu rechtfertigen ist, dass sein privater Reichtum das Bruttosozialprodukt ganzer Länder wie Uruguay übersteigt, sondern man könnte so weit gehen, zu sagen, die Welt wäre eine bessere, wenn Gates nie gelebt hätte. Dann würde heute jeder glücklich Linux verwenden, welches kostenlos und intrinsisch besser als Windows ist, und die einzigen Vorteile, die Windows heute zukommen, lägen dann bei Linux, denn diese bestehen allein aufgrund des "Netzwerkeffekts" eines natürlichen (Quasi-)Monopols, wie es ein PC-Betriebssystem ist (einfach gesagt, jeder benutzt das System, das jeder benutzt). Und hier kann Gates auch nicht sein Gewissen damit beruhigen, dass er einen Bruchteil seines Reichtums gnädig für "philanthropische" Zwecke ausschüttet, denn auch dieses Geld würde ja ohne ihn nicht fehlen, sondern wäre noch in den Händen derer, die dann nicht Windows hätten kaufen müssen, und diese könnten es genausogut (bzw. besser weil demokratischer) einzeln oder kollektiv über den Staat für gute Zwecke verwenden.
Bleibt noch, die Idee ad absurdum zu führen, man solle sich nicht um irdische Gerechtigkeit sorgen, da dies vergeblich sei, weil die Dinge ja doch nach dem Willen des Schöpfers geschähen. Aber wenn alles nach Gottes Plan verläuft, hätten wir ja keine Freiheit und keine Verantwortung. Dann wäre auch der Holocaust ein Teil des göttlichen Plans, der offenbar irgendeinen für uns nicht zu erschließenden Zweck erfüllt hat. Das allein ist schon schwer vorstellbar - es hätte also logisch oder "technisch" keine Möglichkeit einer Welt gegeben, in der mehr oder weniger alles gleich gelaufen wäre, nur ohne Holocaust? Ein allmächtiger Gott sollte das schon hinkriegen. Da der Holocaust ja gerade keiner zwingenden historischen Logik entsprang, sondern stark von der Person Hitlers abhing, sollte es eigentlich relativ leicht sein, ihn zu verhindern, wenn man in der Zeit zurückreisen könnte, indem man Hitler rechtzeitig ausschaltet. Natürlich wüsste man dann nicht, wie sich die Geschichte in anderer Hinsicht weiterentwickelt hätte. Jede kleinste Änderung kann ja die Zukunft komplett verändern, also theoretisch auch zum schlechteren, aber nicht zwingend. Und selbst wenn wir annehmen, der Holocaust wäre ein notwendiger Bestandteil der besten aller möglichen Welten - dann hieße das ja, wir könnten Hitler nicht dafür verurteilen. Er hat ja gerade geglaubt, einem Plan der Vorsehung zu folgen - dann hätte er ja in gewisser Weise recht gehabt. Damit würde sich jede menschliche Verantwortung auflösen und der Grund für einen Nihilismus bereitet. Und dies sage ich, obwohl ich durchaus glaube, dass die Zukunft sehr wohl fest vorherbestimmt ist - aber eben nicht durch irgendeinen göttlichen Plan, der irgendein Ziel verfolgt, sondern durch die Naturgesetze, innerhalb derer auch unser subjektiv empfundener - und insofern ausreichend realer - freier Wille nur existiert.
Eine quasi-theologische Frage will ich dann aber noch aufwerfen. Wenngleich die Welt durch die Naturgesetze zu erklären ist, woher kommen dann die Naturgesetze selbst? Sie könnten ja auch anders sein. Ich denke nicht, dass man die Physik aus reiner Logik entwickeln kann; man kann sich logisch, also ohne inneren Widerspruch, auch andere Naturgesetze für eine andere Welt vorstellen. Warum sind sie also gerade so, wie sie sind? Ich denke, dies ist eine bessere Form der bekannten Frage "Warum existiert überhaupt irgendetwas und nicht nichts?" (Why is there something instead of nothing?) Um hier der Problematik des Konzepts "Nichts" zu entgehen, sei also statt "warum so und nicht nichts?" allgemeiner gefragt: "warum so und nicht irgendwie anders?" Wohlgemerkt, die Frage zielt nicht auf ein zeitliches Woher ab. Man kann sich sehr wohl vorstellen, dass die Zeit wie auch der Raum gekrümmt und auf irgendeine Weise in sich selbst geschlossen ist, sodass sich die Frage nach dem "Vorher" erübrigt. Aber auch eine solche in sich geschlossene Welt, als ganzes betrachtet, braucht einen Grund, eine Erklärung für ihre Existenz, bzw. eben für die Existenz in genau dieser und keiner anderen Weise, auch wenn sich manche hier mit einem es-ist-einfach-so begnügen wollen.
An dieser Stelle ist zunächst etwas einzuschieben, was im Grunde eine modernisierte Gottesvorstellung ist, aber nicht rundheraus von der Hand zu weisen: das, was wir für das Universum halten, könnte nur eine Art Computersimulation sein, die von einer höheren Zivilisation für welchen Zweck auch immer programmiert wurde. Wir selbst entwerfen ja am Computer immer realistischere künstliche Welten, die auch mit zunehmender künstlicher Intelligenz bevölkert werden, die irgendwann auch über die Natur ihrer Welt philosophieren könnten, aber in ihrer Erkenntnis unweigerlich auf die Computerwelt reduziert sind und nicht sozusagen aus dem Bildschirm heraustreten können. So gesehen könnte es tatsächlich einen "Schöpfer" geben, der entweder unsere Welt nur angestoßen hat oder sich vielleicht sogar während des Ablaufs subtil einmischt, aber das eigentliche philosophische Problem wird hierdurch genausowenig gelöst wie durch die traditionelle Gottesvorstellung, sondern die Frage verlagert sich nur eine Ebene höher: wer erschuf den Schöpfer? Tatsächlich könnten wir eine Simulation innerhalb einer Simulation innerhalb einer Simulation usw. sein, aber irgendwo müsste dann doch eine oberste, nicht selbst simulierte Ebene erreicht sein und dann sind wir wieder beim Ausgangspunkt. Wir können also genausogut annehmen, dass wir selbst die oberste Ebene sind.
Die einzige plausible Antwort, die mir nun zu der Frage einfällt, warum die Welt in genau dieser und keiner anderen Weise existiert, ist: die Annahme ist falsch. Es existiert nicht nur "diese" Welt, sondern parallel dazu (und natürlich ohne jegliche Verbindung) auch jede andere logisch konsistente. Mit anderen Worten, Existenz und Möglichkeit sind ein und dasselbe. Oder, ähnlich wie die Antwort auf die Frage, warum sich der Hund die Eier leckt: Diese Welt existiert, weil sie es kann. There is not just something instead of nothing, there is everything! Und es ist eben nicht so zu verstehen, dass erst die Möglichkeit besteht und in einem zweiten Schritt die entsprechende Welt entsteht, sondern die existente Welt ist selbst die Manifestation der Möglichkeit. Die Gesamtheit aller möglichen Welten ist nichts anderes als die Logik selbst, das wahre Axiom. Letztendlich haben wir also von "Existenz", ähnlich wie von "freiem Willen", durch unsere subjektive Erfahrung eine etwas illusorische Vorstellung. Denn so "handfest", wie wir denken, ist ja nichts. Letztlich ist jede Welt zwangsläufig nichts als Information, wenn man tief genug in die "Materie" eindringt. Das kleinste "Teilchen" ist immer das Bit.
Diese Theorie ist natürlich notwendigerweise unbeweisbar und ich kann sie auch nur mangels besserer Alternative vertreten. Aber das entspricht dem wissenschaftlichen Prinzip. Eine bessere Erklärung nehme ich gerne entgegen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen