Zwar war im Wahlprogramm der saarländischen Piraten von BGE nicht die Rede, sondern nur von einem Mindestlohn, aber angeblich soll das Thema der sozialen Gerechtigkeit eine herausragende Rolle in der Motivation der Piraten-Wähler gespielt haben. In ein Landeswahlprogramm gehört ein BGE (allerdings auch ein Mindestlohn) im Grunde gar nicht hinein, denn auf Landesebene wäre es ja nicht praktisch umzusetzen. Aber die Leute wählen schließlich bei einer Landestagswahl nicht nur bezogen auf Themen der Landespolitik, sondern geben dort auch ihren allgemeinen, hauptsächlich bundespolitisch geprägten politischen Sympathien bzw. Stimmungen Ausdruck. Damit ist auch dieses Ergebnis nicht zuletzt ein Votum fürs Grundeinkommen.
Wie sieht es nun mit der BGE-Diskussion bei den Piraten aus? Ein taz-Artikel sorgte hier gerade für einen kleinen Sturm im Wasserglas. Hierbei wurde ein Modell besprochen, was bei den Sozialpiraten seit einigen Monaten in der Diskussion ist, keineswegs aber irgendeine Beschlusslage darstellt. An dem Modell gibt es tatsächlich einiges auszusetzen, der plakative Kernvorwurf des Artikels aber - "Unterm Strich weniger als Hartz IV" - trifft die Sache nicht. Bei Hartz IV bekommt man bedingungslos exakt überhaupt nichts, und das ist das entscheidende. 440 Euro bedingungslos ist doch schon mehr als 0. Davon abgesehen:
- Laut Modell soll der Betrag von 438,70 Euro 12,5mal im Jahr ausgezahlt werden, das entspricht 457 Euro im Monat bei 12 Monaten. Der Unterschied im Betrag ist nicht entscheidend, aber ich frage mich an der Stelle, was das mit den 12,5 Monatsbeträgen soll. Vermutlich wohl eine Art Weihnachtsgeld im Dezember. Aber nur weil anderswo ein 13. Monatsgehalt üblich ist (in Griechenland soll es ja noch ein 14. oder noch mehr gegeben haben), muss man so einen Unsinn nicht nachmachen. Wer meint, dass er im Dezember (oder in irgendeinem anderen Monat) mehr Geld braucht als sonst, soll sich entsprechend etwas zurücklegen. Dem weihnachtlichen Konsumwahn sollte man hier nicht indirekt Anerkennung verschaffen.
- Zu den 457 Euro kommt im Modell noch ein Wohnkostenzuschuss nach Bedürftigkeit. Damit wird einerseits die Behauptung vollends unsinnig, das Modell sei schlechter als Hartz IV, denn dort bekommt man nur 374 Euro Regelsatz plus Wohnkosten, wobei beides bedarfsgeprüft und obendrein an die Bereitschaft zur Aufnahme zugewiesener Arbeit gebunden ist. (Lediglich etwaige Unterschiede in der konkreten Wohnkostenerstattung könnten die 83 Euro Differenz wettmachen, das geht aber aus dem Modell nicht hervor, so dass man davon ausgehen sollte, dass es im Schnitt nicht weniger als bei Hartz IV wäre, wo ja auch nicht jede noch so hohe Miete erstattet wird.) Andererseits hat eine Bedürftigkeitsprüfung innerhalb eines BGE-Modells nichts zu suchen. Wenn man meint, es wäre überflüssig, Wohnkosten an diejenigen zu zahlen, die sie nicht brauchen, könnte man das gleiche auch über den Grundbetrag sagen. Das ist doch gerade das Prinzip des BGE, dass es nicht eine bedarfsorientierte Sozialleistung, sondern ein Bürgerrecht ist, deshalb gleich für alle. Der Wohnkostenzuschuss - den ja die meisten Nicht-Arbeitenden dann beantragen müssten - trüge weiterhin das Stigma der Sozialleistung. Und aus Finanzierungsgesichtspunkten gibt es auch gar keinen Grund dafür. Wie Götz Werner sagen würde, ist es schon finanziert, denn es wohnt ja heute auch jeder, d.h. das Geld, was die Leute heute für Wohnkosten ausgeben, würden sie eben als Teil des BGE anstatt als Teil ihres bisherigen Einkommens erhalten, was unterm Strich keinen Unterschied macht. Der Arbeitsanreiz würde dadurch im Vergleich zum Modell nicht sinken, wenn die Leute die Wohnkosten ja im Bedarfsfalle doch erhalten würden, es also ohnehin keinen Anreiz zur Arbeit zur Erwirtschaftung der Wohnkosten geben würde. Im Gegenteil, es gäbe im Modell wieder einen negativen Anreiz. Denn ausgehend von Nicht-Arbeit mit Bezug von 457 Euro + Wohnkosten, würde sich eine geringfügige Arbeitsaufnahme nicht lohnen, wenn dann die Wohnkostenerstattung wegfiele. Bei einem richtig gestalteten BGE lohnt sich dagegen jede noch so geringe Arbeitsaufnahme. Wer arbeitet, hat mehr (BGE + Arbeitseinkommen) als der, der nicht arbeitet (BGE). Die Wohnkosten sollten also pauschaliert und zu dem Grundbetrag addiert werden; wenn das Modell finanzierbar ist, so wie es ist, wäre es das mit dieser Änderung (einschl. entsprechende Anpassung der Steuersätze) genauso (durch die Verwaltungsvereinfachung sogar noch besser).
- Gleichwohl ist es vernünftig, dass die Autoren des Modells sich bemühen, ein solide finanzierbares Modell zu entwickeln, anstatt Beträge einfach nach Wünschbarkeit in den Raum zu stellen. Die typischen Reaktionen von mancher Seite, das BGE sei hier zu niedrig angesetzt, und womöglich noch aus böser Absicht, sind fehl am Platz. Die Autoren sind hier lediglich vorsichtig und betrachten das Modell wohl als einen Ausgangspunkt, auf dem man ggf. aufbauen kann. Ein "bescheidenes" Modell ist politisch allemal leichter einzuführen als ein gewagteres, und es wäre ja nie in Stein gemeißelt - verbessern kann man es immer. Solange es also gegenüber dem status quo keine Verschlechterung darstellt, ist es in jedem Fall besser als nichts, und es wäre ja schon viel erreicht, überhaupt den ersten eindeutigen Schritt in Richtung BGE zu gehen. Das Bessere darf nicht der Feind des Guten sein. Allerdings muss man es auch klar kommunizieren, dass ein bestimmtes Einstiegsniveau nicht der Endzustand sein muss. Und man sollte auch explizit das Prinzip aufstellen, dass es in keinem Fall eine Verschlechterung für Leute mit geringem Einkommen gibt, d.h. bestehende bedingte Leistungen müssen entweder bestehenbleiben oder eben ganz oder teilweise bedingungslos gemacht werden, nicht aber höhere bedingte durch niedrigere bedingungslose ersetzt werden.
- Der größte Fehler aber bleibt in meinen Augen die Einkommensteuerfinanzierung im Modell. Hier habe ich schon wiederholt auf die Vorteile einer Naturressourcenbesteuerung hingewiesen. Mit Einkommensteuer kommt man im Leben nicht von der verbreiteten Wahrnehmung weg, Arbeitende würden beim BGE Nicht-Arbeitende subventionieren. (Beispiel aus den taz-Kommentaren: "Ich bin nicht bereit auch nur 1% mehr an Steuern zu zahlen für Leute die rumlungern!")
Galloway sprach nach seinem Sieg vom "Bradford Spring" - möge es überall einen neuen Völkerfrühling geben, der die verrosteten Denkstrukturen des heutigen Biedermeiertums überwindet. Man könnte auch Altmaiertum sagen, angesichts der bekannten CDU-
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